Frau aus dem Feuer
It was a horrible sight […] Hundreds of injured people who were trying to escape to the hills passed our house. The sight of them was almost unbearable. Their faces and hands were burned and swollen; and great sheets of skin had peeled away from their tissues to hang down like rags in a scarecrow. […] I came onto I don’t know how many, burned from the hips up […] And they had no faces! Their eyes, noses and mouths had been burned away, and it looked like their ears had melted off. It was hard to tell front from back.
Michihiko Hachiya “Hiroshima Diary” (1945)
- Atomic bomb survivor, ca. 1945. “The patient’s skin is burned in a pattern corresponding to the dark portions of a kimono worn at the time of the explosion.” *
- Allan Kaprow “Woman Out of Fire” (detail), 1955-1956
- Kōyō Ishikawa, Opfer des Luftangriffes auf Tokyo (Frau und Kind), 10.03.1945**
Auf die Grundformen des Kopfes und Rumpfes, auf die Reste der Oberarme und Schenkel reduzierte Frauengestalt, deren Geschlecht lediglich anhand der schwellenden – bezieht man den Titel der Skulptur „Woman Out of Fire“ mit ein – durch die Wucht des Feuers verformten Brüste, erkennbar. Aus ihren Höhlen hervortretende, von den Liedern nicht mehr geschützte Augäpfel, abgebrannte Nase, fehlende Ohrmuscheln… eine Frau ohne Gesicht! Der wie in einem Schrei verzerrte Mund, oder vielmehr das, was von einem Mund übrig blieb… Die Schwärze und ein seltsamer Glanz der Haut.
Das Groteske der Holzstöcke, welche statt Arme und Beine in die Körpermasse auf der einen, und in den Hocker auf der anderen Seite der Skulptur montiert sind, evozieren eine grauenvolle Vorstellung von den, bis auf die Knochen abgebrannten, menschlichen Gliedmaßen. Die ihrer Stabilität beraubte Figur wirkt in Anbetracht der Verwendung eines gewöhnlichen Hockers und des Titels, der keinerlei Abstraktion zulässt, wie ein makaberes Ready-Made.
Der, in den Kunstwerk-Kontext einbezogene, handelsübliche Hocker und Alltagsgegenstand lässt uns unweigerlich an die Ready-Mades von Marcel Duchamp, wie zum Beispiel „Bicycle Wheel“ (1913), welches aus einem Rad, einer Fahrrad-Vordergabel und einem Holzhocker montiert ist, denken. Duchamp arbeitete mit dem Prinzip der Entlassung der Alltagsobjekte aus ihrer ursprünglichen Funktion, stellte sie auf einen Sockel und erklärte sie zu Kunst. Doch Kaprow geht in dem Prozess der Bedeutungsgenese viel weiter: er spielt die erhöhende Funktion eines Hockers aus, um die Monstrosität des Geschehenen, das schreckliche Resultat der massiven Verbrennung eines Menschen, dem Betrachter vor Augen zu führen, und verweist mittels eines, aus dem Alltag entnommenen, Gegenstandes auf die brutale Möglichkeit der tatsächlich stattgefundenen Ereignisse.
* 77-MDH-6.55b. The National Archives: http://www.archives.gov/research/ww2/photos/images/ww2-164.jpg (07.06.2009)
** http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Tokyo_kushu_1945-2.jpg?uselang=de (10.02.2010)


