Archive for the ‘ Sehnsucht ’ Category

Die Verkündigung an Maria

Und der Engel kam zu ihr hinein und sprach: Gegrüßet seist du, Holdselige! Der HERR ist mit dir, du Gebenedeite unter den Weibern! Da sie aber ihn sah, erschrak sie über seine Rede und gedachte: Welch ein Gruß ist das? Und der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria! Du hast Gnade bei Gott gefunden. Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, des Namen sollst du Jesus heißen. […] Da sprach Maria zu dem Engel: Wie soll das zugehen, da ich von keinem Manne weiß? Der Engel antwortete und sprach zu ihr: Der heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das von dir geboren wird, Gottes Sohn genannt werden. […] Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich. Maria aber sprach: Siehe ich bin des HERRN Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast. Und der Engel schied von ihr.*

* http://www.bibel-online.net/text/luther_1912/lukas/1/ (6.11.2010)

В черном небе слова начертаны… Марина Цветаева, 1918

* * *

В черном небе слова начертаны —
И ослепли глаза прекрасные...
И не страшно нам ложе смертное,
И не сладко нам ложе страстное.

В поте — пишущий, в поте — пашущий!
Нам знакомо иное рвение:
Легкий огнь, над кудрями пляшущий,—
Дуновение вдохновения!

“Exclusive Gone – appropriated series 2010 (#1)”

Chanel №5 ad appropriated

“So lasset sie das Haupt bedecken”

Seid meine Nachfolger, gleich wie ich Christi! Ich lobe euch, liebe Brüder, dass ihr an mich denkt in allen Stücken und haltet die Weise, wie ich sie euch gegeben habe. Ich lasse euch aber wissen, dass Christus ist eines jeglichen Mannes Haupt; der Mann aber ist des Weibes Haupt; Gott aber ist Christi Haupt. Ein jeglicher Mann, der betet oder weissagt und hat etwas auf dem Haupt, der schändet sein Haupt. Ein Weib aber, das da betet oder weissagt mit unbedecktem Haupt, die schändet ihr Haupt, denn es ist ebensoviel, als wäre es geschoren. Will sie sich nicht bedecken, so schneide man ihr das Haar ab. Nun es aber übel steht, dass ein Weib verschnittenes Haar habe und geschoren sei, so lasset sie das Haupt bedecken.

Der Mann aber soll das Haupt nicht bedecken, sintemal er ist Gottes Bild und Ehre; das Weib aber ist des Mannes Ehre. Denn der Mann ist nicht vom Weibe, sondern das Weib vom Manne. Und der Mann ist nicht geschaffen um des Weibes willen, sondern das Weib um des Mannes willen. Darum soll das Weib eine Macht auf dem Haupt haben, um der Engel willen. Doch ist weder der Mann ohne das Weib, noch das Weib ohne den Mann in dem Herrn, denn wie das Weib vom Manne, also kommt auch der Mann durchs Weib, aber alles von Gott. Richtet bei euch selbst, ob es wohl steht, dass ein Weib unbedeckt vor Gott bete. Oder lehrt euch auch nicht die Natur, dass es einem Manne eine Unehre ist, so er das Haar lang wachsen lässt, und dem Weibe eine Ehre, so sie langes Haar hat? Das Haar ist ihr zur Decke gegeben. Ist aber jemand unter euch, der Lust zu zanken hat, der wisse, dass wir solche Weise nicht haben, die Gemeinden Gottes auch nicht.*

* Die Stellung des Mannes als Haupt und die Bedeckung des Hauptes der Frau, Der erste Brief Paulus’ an die Korinther (Luther-Bibel), 1 Kor 14,34 – 40; Eph 5,22 – 24; 1 Tim 2,8 – 15, auf: http://www.bibel-online.net/buch/46.1-korinther/11.html (03.06.2010)

Betrachter als Kollaborateur

„Der Mensch ist eine aus hundert Schalen bestehende Zwiebel, ein aus vielen Fäden bestehendes Gewebe.“

Hermann Hesse „Der Steppenwolf“

Die in Leipzig lebende und arbeitende Künstlerin Joanna Grzybek experimentiert mit dem kunstgeschichtlich traditionellen Motiv des menschlichen Körpers und mit seinen Beziehungen zu dem ihn umgebenden Raum. So traditionell das Motiv, den Grzybek bereits seit 2001 kontinuierlich in ihren Gemälden verarbeitet, so verblüffend ist die von der Künstlerin eigens entwickelte Technik der Baumwollgaze Collagierung, die den Werken einen ephemeren, beinahe transzendenten Charakter verleiht. Die nicht endgültigen, wie in ein Werden begriffenen anthropomorphen Figuren sind in ihrer Farbigkeit stark zurückgenommen und für die wechselnden Kontexte des Raums und des Lichts, in denen sie existieren, empfänglich. In ihren Gemälden kombiniert Grzybek das Material der Baumwollgaze mit den Techniken der Acrylmalerei und der Grafitzeichnung.

Sobald man sich den Gemälden nähert, bemerkt man das aufwendige Schichtverfahren, mittels derer Grzybek die fein konturierten Strukturen auf die Leinwand bannt. In der aktuellen Serie „Kontakte und Relationen“ trug die Künstlerin bis zu sieben präzise Gaze- und Acrylfarbschichten auf die Leinwand auf, bis das Ergebnis von einer zwischen Realität und Abstraktion oszillierenden Schönheit entstehen konnte.

Die Farbigkeit der in der Einzelausstellung präsentierten Gemälde erinnert an die „White Paintings“ der 1950er Jahre von Robert Rauschenberg. Die jeweiligen Lichtverhältnisse, unter denen das Bild gesehen wird, bilden sowohl in Rauschenbergs „White Paintings“ als auch in Grzybeks Gemälden eine wesentliche Voraussetzung für die Bildwahrnehmung. Sobald der Betrachter vor die Leinwand tritt, seinen eigenen Schatten und die Schatten ihn umgebender Objekte auf der Bildoberfläche erkennt, steht ihm eine Vielzahl an phänomenologischen Erfahrungen offen. Doch während die Bildoberfläche der „White Paintings“ von jeglichen Details, Farb- und Strukturmodulationen befreit ist, intensivieren die internen Bildbeziehungen in Grzybeks Arbeiten die Vorstellungskraft des Betrachters. Dabei geben die Titel der Arbeiten „Nähe“, „Schutz“ oder „Beobachtung“ einen Wahrnehmungsrahmen vor. Die Erzählungen hinter den sichtbaren Bildern sollen die Betrachter jedoch eigenständig ersehen.

Das unmittelbare Erfahren der Gemälde „Hinwendung“, „Ich“ und der Installation „Widmung I und II“ von Grzybek erfolgt in Raum und Zeit und ist durch die unmittelbare Wahrnehmung des Betrachters bestimmt. In ihrer Arbeit sieht Grzybek die Möglichkeit, den Betrachter am Entstehungsprozess eines Kunstwerkes und der damit verbundenen Verantwortung zu beteiligen. So können die Ausstellungsbesucher die lichte Installation „In Between“ begehen, sich zwischen den aus Gaze gefertigten Figuren stellen und somit ihre Beziehungen untereinander mit der eigenen körperlichen Präsenz verändern oder gar unterbrechen. Die körperliche Aktivität des Betrachters bestimmt das Erscheinungsbild der Installation.

Die Künstlerin möchte ihre Kunstwerke nicht als einzelne, von der Realität des Lebens getrennte Objekte verstanden sehen. Es geht ihr um die Sensibilisierung der Sinne, mit denen die Alltagsumgebung wahrgenommen werden soll. Die Geräuschkulisse der Ausstellungsräume, der von der Straße durch das offene Fenster dringende Baulärm, das Kinderlachen – dies alles verarbeitet Grzybek bewusst in ihrer Arbeit. Die Bereiche der Kunst und des Lebens greifen ineinander über und der Betrachter wird dabei zum Kollaborateur.

Du, Ich und Der Fall

Mein jetziges Aussehen ist ja wirklich nicht mehr danach. Ach! Von einem bestimmten Alter an ist jeder Mensch für sein Gesicht verantwortlich. Das meine… Aber das ist ja gleichgültig! Die Tatsache bleibt bestehen. Man fand, ich habe Charme, und ich nützte diesen Umstand aus. Indessen war gar keine Berechnung dabei; ich war aufrichtig, oder doch beinahe. […] Natürlich ist wahre Liebe eine Seltenheit, die kaum zwei- oder dreimal in einem Jahrhundert vorkommen mag. Alles andere ist Eitelkeit oder Langeweile.

Ich jedenfalls war keine Portugiesische Nonne. Mein Herz ist beileibe nicht fühllos, im Gegenteil, es überbordet vor Rührseligkeit […] Nur sind meine Herzensregungen immer auf mich selbst gerichtet, und meine Rührung betrifft meine eigene Person. Es stimmt übrigens nicht, dass ich nie geliebt habe. […] die Sinnlichkeit, und nur sie allein, beherrschte mein Liebesleben. Ich suchte einzig nach Objekten der Lust und der Eroberung. […] Ich […] verdankte diesem Umstand gar manche Befriedigung, ohne heute sagen zu können, worin sie bestand, ob im Vergnügen oder im Prestige.

Albert Camus „Der Fall“ (1956)

Aus tausend Traurigkeiten…

“AUS TAUSEND TRAURIGKEITEN
ZUR KRIPPE GEHEN WIR STILL,
DAS KIND DER EWIGKEITEN
UNS ALLE TRÖSTEN WILL.”

Friedrich von Bodelschwingh, 1945

Sehnsucht nach Ordnung

Jede Idee = Universum

§ 24. Die wahre Konstruktion der Kunst ist Darstellung ihrer Formen als Formen der Dinge, wie sie an sich, oder wie sie im Absoluten sind. […] Demnach wird vorausgesetzt, diese besonderen Formen, wodurch eben das Schöne in einzelnen realen und wirklichen Dingen dargestellt wird, seien besondere Formen, die im Absoluten selbst sind.

§ 25. Die besonderen Formen sind als solche ohne Wesenheit, bloße Formen, die im Absoluten nicht anders sein können, als inwiefern sie als besondere wieder das ganze Wesen des Absoluten in sich aufnehmen. […]

§ 26. Im Absoluten sind alls besonderen Dinge nur dadurch wahrhaft geschieden und wahrhaft eins, daß jedes für sich das Universum, jedes das absolute Ganze ist. […]

§ 27. Die besonderen Dinge, sofern sie in ihrer Besonderheit absolut, sofern sie also als Besondere zugleich Universa sind, heißen I d e e n. […]

Jede Idee ist = Universum in der Gestalt des Besonderen. Aber eben deswegen ist sie nicht als dieses Besondere real. Das Reale ist immer nur das Universum. Jede Idee hat zwei Einheiten, die eine, wodurch sie in sich selbst und absolut ist, die also, wodurch das Absolute in ihr Besonderes gebildet ist, und die, wodurch sie als Besonderes in das Absolute als ihr Zentrum aufgenommen wird. Diese gedoppelte Einheit jeder Idee ist eigentlich das Geheimnis, wodurch das Besondere im Absoluten, und gleichwohl wieder als Besonderes begriffen werden kann.

F. W. J. Schelling “Philosophie der Kunst” (1802-1803)