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Du, Ich und Der Fall

Mein jetziges Aussehen ist ja wirklich nicht mehr danach. Ach! Von einem bestimmten Alter an ist jeder Mensch für sein Gesicht verantwortlich. Das meine… Aber das ist ja gleichgültig! Die Tatsache bleibt bestehen. Man fand, ich habe Charme, und ich nützte diesen Umstand aus. Indessen war gar keine Berechnung dabei; ich war aufrichtig, oder doch beinahe. […] Natürlich ist wahre Liebe eine Seltenheit, die kaum zwei- oder dreimal in einem Jahrhundert vorkommen mag. Alles andere ist Eitelkeit oder Langeweile.

Ich jedenfalls war keine Portugiesische Nonne. Mein Herz ist beileibe nicht fühllos, im Gegenteil, es überbordet vor Rührseligkeit […] Nur sind meine Herzensregungen immer auf mich selbst gerichtet, und meine Rührung betrifft meine eigene Person. Es stimmt übrigens nicht, dass ich nie geliebt habe. […] die Sinnlichkeit, und nur sie allein, beherrschte mein Liebesleben. Ich suchte einzig nach Objekten der Lust und der Eroberung. […] Ich […] verdankte diesem Umstand gar manche Befriedigung, ohne heute sagen zu können, worin sie bestand, ob im Vergnügen oder im Prestige.

Albert Camus „Der Fall“ (1956)

Aus tausend Traurigkeiten…

“AUS TAUSEND TRAURIGKEITEN
ZUR KRIPPE GEHEN WIR STILL,
DAS KIND DER EWIGKEITEN
UNS ALLE TRÖSTEN WILL.”

Friedrich von Bodelschwingh, 1945

Testa de Cazi

Sehnsucht nach Ordnung

Discomedusae – Epibulia Ritteriana

Eine Cystonekte aus dem Indischen Ozean (Belligemma auf Ceylon). An der unteren Seite der großen, mit Luft gefüllten Schwimmblase (welche oben durch eine Scheitelöffnung Luft entleeren kann) sitzt dicht gedrängt eine Gesellschaft von zahlreichen Personen, von vier verschiedenen Formen.

Unmittelbar unter der Schwimmblase (Pneumatophore) befindet sich ein Kranz von zahlreichen, schlanken, rosaroten Tasten (Palponen); jede von diesen zarten, sehr empfindlichen und beweglichen „Gefühlspersonen“ zeigt an der Oberseite der Spitze ein rotes Auge (Ocellus). Unterhalb derselben hängen in der Mitte vier lange rote Trauben herab, zusammengesetzt aus zahlreichen rundlichen Beeren, den männlichen und weiblichen Geschlechtspersonen (Gonophoren). Die sechs größeren gelben Tiere sind die Freßpersonen oder Saugröhren (Siphonen). Durch ihre durchsichtige Magenwand schimmern dunkelgelbe Leberdrüsen durch, die zur Verdauung der Nahrung dienen. Diese wird unten durch den sehr dehnbaren Mund aufgenommen, welcher trichterförmig erweitert, aber auch angesaugt und umgestülpt werden kann. Zum Fangen der Beute dienen die langen, sehr beweglichen Fangfäden (Tentakeln); je einer sitzt am Grunde jeder Saugröhre. Die Tentakeln tragen eine Reihe von feinen Seidenfäden (Tentillien).

Prof. Dr. Ernst Haeckel, Siphonophorae. Staatsquallen “Kunstformen der Natur” (1899-1904)

Jede Idee = Universum

§ 24. Die wahre Konstruktion der Kunst ist Darstellung ihrer Formen als Formen der Dinge, wie sie an sich, oder wie sie im Absoluten sind. […] Demnach wird vorausgesetzt, diese besonderen Formen, wodurch eben das Schöne in einzelnen realen und wirklichen Dingen dargestellt wird, seien besondere Formen, die im Absoluten selbst sind.

§ 25. Die besonderen Formen sind als solche ohne Wesenheit, bloße Formen, die im Absoluten nicht anders sein können, als inwiefern sie als besondere wieder das ganze Wesen des Absoluten in sich aufnehmen. […]

§ 26. Im Absoluten sind alls besonderen Dinge nur dadurch wahrhaft geschieden und wahrhaft eins, daß jedes für sich das Universum, jedes das absolute Ganze ist. […]

§ 27. Die besonderen Dinge, sofern sie in ihrer Besonderheit absolut, sofern sie also als Besondere zugleich Universa sind, heißen I d e e n. […]

Jede Idee ist = Universum in der Gestalt des Besonderen. Aber eben deswegen ist sie nicht als dieses Besondere real. Das Reale ist immer nur das Universum. Jede Idee hat zwei Einheiten, die eine, wodurch sie in sich selbst und absolut ist, die also, wodurch das Absolute in ihr Besonderes gebildet ist, und die, wodurch sie als Besonderes in das Absolute als ihr Zentrum aufgenommen wird. Diese gedoppelte Einheit jeder Idee ist eigentlich das Geheimnis, wodurch das Besondere im Absoluten, und gleichwohl wieder als Besonderes begriffen werden kann.

F. W. J. Schelling “Philosophie der Kunst” (1802-1803)