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„Flucht in die Berge“ von Thomas Beecht

Es ist die leuchtende Farbigkeit des großformatigen Gemäldes, die den Betrachter in ihren Bann zieht und in den nächsten Augenblicken nicht mehr loslässt. Jede Pore der grobmaschigen Leinwand scheint von innen heraus zu leuchten. Die Farbpalette des Bergmassivs reicht vom sonnendurchfluteten Weiß über Grün- und Rot-Töne bis an die Nachtschatten erinnerndes Blau. Dort, wo der Bergfluss am tiefsten ist und das Abbild des Berghangs sich im Wasser spiegelt, kreuzen sich die Blicke zweier Beobachter – des Betrachters vor dem Gemälde und des Mannes im Bild.

Die Beine des Mannes sind parallel und gerade, fest im Gelb des Weges, den er noch Augenblicke zuvor beschritt, verankert. Es ist ein Moment des Innehaltens. Jedoch bleiben die Emotionen im Verborgenen, denn das Gesicht  ist vom Bildbetrachter abgewandt.

Die lichten Häuser nahe der Talsperre stemmen sich gegen das Dunkel des Abgrundes auf der Talseite. Um dem unheimlich anmutenden Hang zu entkommen, wandert der Blick rasch zur Bildmitte, um sich sogleich auf dem glatten Spiegel des azurblauen Wassers auszuruhen.

Die Flächigkeit des Wasserspiegels, aller Merkmale eines fließenden Gewässers beraubt, kontrastiert mit der Farben- und Formenvielfalt des Bergmassivs. Mitten durch das Bildgefüge biegt sich eine Staumauer. Durch die Gliederung in einzelne, autonome Elemente, erinnert das Bild an eine Collage. Schaut man sich die Talsperre genauer an, erkennt man Bögen, die das Gewicht des hellen Betons in den Untergrund ableiten. Ähnliche Talsperren, die lediglich in ihrer Bauart, Länge und Höhe variieren, könnte man überall auf der Welt finden. Dennoch sind der abstrakte Wert des Wassers, die beinahe traumartige Farbigkeit und die perspektivischen Verschiebungen im Bildraum Indizien dafür, dass es sich um keine reelle Szene handelt.

Der Mann im Bild, der dem Betrachter seine Kehrseite zuwendet, ist ein traditionelles kunsthistorisches Motiv der Rückenfigur und wurde bereits in der römischen Antike verwendet. Durch die ins Bild hineinsehende Rückenfigur sollte dem Betrachter die Nachempfindung der Raum-Existenz ermöglicht und die Zweidimensionalität der Bildfläche überwunden werden.

In „Wanderer über dem Nebelmeer“ von 1818 erweiterte Caspar David Friedrich die bis dahin geltende Rückenfigur-Funktion. Willi Wolfradt, einer der ersten Forscher, die sich mit Caspar David Friedrich‘s Rückenfigur detailliert auseinandersetzten, betonte im Zusammenhang mit Friedrich‘s Bildern „eine eigentümliche Austauschbeziehung“ * zwischen Rückenfigur und Landschaft. Dabei seien die beiden Größen – Natur und Mensch – stets wechselseitig bedingt und voneinander untrennbar. Joseph Leo Koerner sieht in der Rückenfigur „einen Ort der Identifizierung bzw. Vermittlung zwischen Bild und Betrachter, Natur und Bewusstsein, Endlichem und Unendlichem“ **.

In „Wanderer über dem Nebelmeer“ bleibt die Landschaft in dichten Nebelschwaden und weitgehend uneinsehbar. Dagegen scheint die Landschaft in „Flucht in die Berge“ sich vor den Augen des Betrachters regelrecht auszubreiten. Doch der Schein trügt: bereits beim ersten Hinsehen fällt die dunkle Verborgenheit des Abgrundes hinter der Talsperre auf. Was in der Finsternis des Abgrundes auch sein mag, es wird dem Betrachter stets verborgen bleiben.

Thomas Beecht befreit die Rückenfigur von ihrer traditionellen Pflicht der Raum-Erzeugung. In „Flucht in die Berge“ besteht die dargestellte Bildwelt aus einem heterogenen Raum. Das Bild enthält zwar einen räumlichen Wert – wie die Bauten am Fuße der Gebirgswand oder die, in das Bildinnere führende Talsperre – hat jedoch in ihrer Gesamtheit einen abstrahierenden Charakter. Und genau dieser Moment irritiert: Die Rückenfigur, von welcher der Betrachter die Aufhebung der Zweidimensionalität des Bildraums erwartet, wird unwillkürlich als ein Bestandteil dieser ambivalenten Bildwelt akzeptiert. Diese Besonderheit erweckt den Eindruck einer räumlichen und zeitlichen Universalität, sie lockt den Betrachter und fesselt seinen Blick.

* Wolfradt, Willi, Caspar David Friedrich und die Landschaft der Romantik, Berlin 1924, S. 41.

** Koerner, Joseph Leo, Caspar David Friedrich. Landschaft und Subjekt, München 1998, S. 239.

Die Verkündigung an Maria

Und der Engel kam zu ihr hinein und sprach: Gegrüßet seist du, Holdselige! Der HERR ist mit dir, du Gebenedeite unter den Weibern! Da sie aber ihn sah, erschrak sie über seine Rede und gedachte: Welch ein Gruß ist das? Und der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria! Du hast Gnade bei Gott gefunden. Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, des Namen sollst du Jesus heißen. […] Da sprach Maria zu dem Engel: Wie soll das zugehen, da ich von keinem Manne weiß? Der Engel antwortete und sprach zu ihr: Der heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das von dir geboren wird, Gottes Sohn genannt werden. […] Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich. Maria aber sprach: Siehe ich bin des HERRN Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast. Und der Engel schied von ihr.*

* http://www.bibel-online.net/text/luther_1912/lukas/1/ (6.11.2010)

В черном небе слова начертаны… Марина Цветаева, 1918

* * *

В черном небе слова начертаны —
И ослепли глаза прекрасные...
И не страшно нам ложе смертное,
И не сладко нам ложе страстное.

В поте — пишущий, в поте — пашущий!
Нам знакомо иное рвение:
Легкий огнь, над кудрями пляшущий,—
Дуновение вдохновения!

“Exclusive Gone – appropriated series 2010 (#1)”

Chanel №5 ad appropriated

Eruption von Eyjafjallajökull und andere Ereignisse

Am 20. März 2010, kurz vor Mitternacht (23:52 GMT) ist unter dem 160 Quadratkilometern großen Gletscher Eyjafjallajökull der gleichnamige Vulkan ausgebrochen. Rund 600 Menschen aus den nahe gelegenen Ortschaften mussten ihre Häuser verlassen und wurden von den isländischen Behörden evakuiert…

Schon fiel Asche, zunächst noch dünn. Ich blicke zurück: Hinter uns erhob sich drohend dichter Qualm, der uns, nach Art eines Wildbaches über den Boden hinfließend, folgte. […] Nacht, aber nicht wie eine mondlose, wolkenverhangene, sondern wie eine in geschlossenen Räumen bei gelöschtem Licht. Man hörte das Geheul von Frauen, das Jammern von Kindern, das Schreien von Männern; die einen riefen nach den Eltern, andere nach den Kindern, wieder andere nach den Ehegatten und suchten sie am Rufen zu erkennen; die einen beklagten ihr eigenes Unglück, die anderen das ihrer Angehörigen; es gab auch welche, die sich aus Angst vor dem Tod den Tod wünschten; viele erhoben die Hände zu den Göttern, noch mehr aber waren der Meinung, es gäbe nirgends mehr Götter, und diese Nacht sei ewig und sei die letzte für die Welt.*

* Plinius Secundus, Epistulae 6.20, Vesuvausbruch 79 n. Chr., Übersetzung von Curt Loehning: http://www.vox-latina-gottingensis.de/origueb/pliniue/plibu06/pli6ue20.htm (20.11.2009)

** http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,689506,00.html (16.04.2010)

Am 20. März 2010, kurz vor Mitternacht (23:52 GMT), ist unter dem 160 Quadratkilometern Gletscher Eyjafjallajökull der gleichnamige Vulkan ausgebrochen. Rund 600 Menschen aus den nahe gelegenen Ortschaften mussten ihre Häuser verlassen und wurden von den isländischen Behörden vorsorglich evakuiert.

Während am 22. März die Gefahr einer Gletscherschmelze mit Überschwemmungen gebannt scheint, ahnt noch niemand, dass rund einen Monat später, am 16. April, 60 Prozent aller Flüge in Europa ausfallen werden. Nicht zuletzt wegen der am gut zwei Wochen lang andauernden, durch die Aschewolke verursachten Sperrung von weiten Teilen des europäischen Luftraums wurde das spektakuläre Vulkan-Geschehen von den Medien mit einem großem Interesse verfolgt. Hunderte Fans des Basketball-Teams Alba Berlin sitzen wegen der Aschewolke aus Island auf den Flughäfen Tegel und Schönefeld fest. Eine Verschiebung der Trauerfeier für den polnischen Präsidenten Lech Kaczynski wird als eine „ernsthafte Option“ in Betracht gezogen. Die Vulkan-Eruption macht den Versuch von Mortara und Guderzo, die Erde mit einem historischen Flugzeug in Rekordzeit zu umrunden, beinahe zunichte…

Schon seit eh und je wurde die Menschheit von den Naturkatastrophen wie Vulkanausbrüchen ereilt. Ob die Tod und Schrecken bringende Vesuv-Eruption aus dem Jahr 79 nach Christus, wie ihn Plinius Secundus schildert oder die nüchterne, die beinahe wissenschaftliche Betrachtung der gefahrbergenden Magma-Fontäne, wie ihn Johan Christian Claussen Dahl im Jahr 1826 auf die Leinwand bahnt: die Naturereignisse und –Katastrophen werden uns immer wieder in ihren Bann ziehen. Und der als spektakulär aber als weitgehend ungefährliche geltende Ausbruch von Eyjafjallajökull zählt auch dazu.

“So lasset sie das Haupt bedecken”

Seid meine Nachfolger, gleich wie ich Christi! Ich lobe euch, liebe Brüder, dass ihr an mich denkt in allen Stücken und haltet die Weise, wie ich sie euch gegeben habe. Ich lasse euch aber wissen, dass Christus ist eines jeglichen Mannes Haupt; der Mann aber ist des Weibes Haupt; Gott aber ist Christi Haupt. Ein jeglicher Mann, der betet oder weissagt und hat etwas auf dem Haupt, der schändet sein Haupt. Ein Weib aber, das da betet oder weissagt mit unbedecktem Haupt, die schändet ihr Haupt, denn es ist ebensoviel, als wäre es geschoren. Will sie sich nicht bedecken, so schneide man ihr das Haar ab. Nun es aber übel steht, dass ein Weib verschnittenes Haar habe und geschoren sei, so lasset sie das Haupt bedecken.

Der Mann aber soll das Haupt nicht bedecken, sintemal er ist Gottes Bild und Ehre; das Weib aber ist des Mannes Ehre. Denn der Mann ist nicht vom Weibe, sondern das Weib vom Manne. Und der Mann ist nicht geschaffen um des Weibes willen, sondern das Weib um des Mannes willen. Darum soll das Weib eine Macht auf dem Haupt haben, um der Engel willen. Doch ist weder der Mann ohne das Weib, noch das Weib ohne den Mann in dem Herrn, denn wie das Weib vom Manne, also kommt auch der Mann durchs Weib, aber alles von Gott. Richtet bei euch selbst, ob es wohl steht, dass ein Weib unbedeckt vor Gott bete. Oder lehrt euch auch nicht die Natur, dass es einem Manne eine Unehre ist, so er das Haar lang wachsen lässt, und dem Weibe eine Ehre, so sie langes Haar hat? Das Haar ist ihr zur Decke gegeben. Ist aber jemand unter euch, der Lust zu zanken hat, der wisse, dass wir solche Weise nicht haben, die Gemeinden Gottes auch nicht.*

* Die Stellung des Mannes als Haupt und die Bedeckung des Hauptes der Frau, Der erste Brief Paulus’ an die Korinther (Luther-Bibel), 1 Kor 14,34 – 40; Eph 5,22 – 24; 1 Tim 2,8 – 15, auf: http://www.bibel-online.net/buch/46.1-korinther/11.html (03.06.2010)

Betrachter als Kollaborateur

„Der Mensch ist eine aus hundert Schalen bestehende Zwiebel, ein aus vielen Fäden bestehendes Gewebe.“

Hermann Hesse „Der Steppenwolf“

Die in Leipzig lebende und arbeitende Künstlerin Joanna Grzybek experimentiert mit dem kunstgeschichtlich traditionellen Motiv des menschlichen Körpers und mit seinen Beziehungen zu dem ihn umgebenden Raum. So traditionell das Motiv, den Grzybek bereits seit 2001 kontinuierlich in ihren Gemälden verarbeitet, so verblüffend ist die von der Künstlerin eigens entwickelte Technik der Baumwollgaze Collagierung, die den Werken einen ephemeren, beinahe transzendenten Charakter verleiht. Die nicht endgültigen, wie in ein Werden begriffenen anthropomorphen Figuren sind in ihrer Farbigkeit stark zurückgenommen und für die wechselnden Kontexte des Raums und des Lichts, in denen sie existieren, empfänglich. In ihren Gemälden kombiniert Grzybek das Material der Baumwollgaze mit den Techniken der Acrylmalerei und der Grafitzeichnung.

Sobald man sich den Gemälden nähert, bemerkt man das aufwendige Schichtverfahren, mittels derer Grzybek die fein konturierten Strukturen auf die Leinwand bannt. In der aktuellen Serie „Kontakte und Relationen“ trug die Künstlerin bis zu sieben präzise Gaze- und Acrylfarbschichten auf die Leinwand auf, bis das Ergebnis von einer zwischen Realität und Abstraktion oszillierenden Schönheit entstehen konnte.

Die Farbigkeit der in der Einzelausstellung präsentierten Gemälde erinnert an die „White Paintings“ der 1950er Jahre von Robert Rauschenberg. Die jeweiligen Lichtverhältnisse, unter denen das Bild gesehen wird, bilden sowohl in Rauschenbergs „White Paintings“ als auch in Grzybeks Gemälden eine wesentliche Voraussetzung für die Bildwahrnehmung. Sobald der Betrachter vor die Leinwand tritt, seinen eigenen Schatten und die Schatten ihn umgebender Objekte auf der Bildoberfläche erkennt, steht ihm eine Vielzahl an phänomenologischen Erfahrungen offen. Doch während die Bildoberfläche der „White Paintings“ von jeglichen Details, Farb- und Strukturmodulationen befreit ist, intensivieren die internen Bildbeziehungen in Grzybeks Arbeiten die Vorstellungskraft des Betrachters. Dabei geben die Titel der Arbeiten „Nähe“, „Schutz“ oder „Beobachtung“ einen Wahrnehmungsrahmen vor. Die Erzählungen hinter den sichtbaren Bildern sollen die Betrachter jedoch eigenständig ersehen.

Das unmittelbare Erfahren der Gemälde „Hinwendung“, „Ich“ und der Installation „Widmung I und II“ von Grzybek erfolgt in Raum und Zeit und ist durch die unmittelbare Wahrnehmung des Betrachters bestimmt. In ihrer Arbeit sieht Grzybek die Möglichkeit, den Betrachter am Entstehungsprozess eines Kunstwerkes und der damit verbundenen Verantwortung zu beteiligen. So können die Ausstellungsbesucher die lichte Installation „In Between“ begehen, sich zwischen den aus Gaze gefertigten Figuren stellen und somit ihre Beziehungen untereinander mit der eigenen körperlichen Präsenz verändern oder gar unterbrechen. Die körperliche Aktivität des Betrachters bestimmt das Erscheinungsbild der Installation.

Die Künstlerin möchte ihre Kunstwerke nicht als einzelne, von der Realität des Lebens getrennte Objekte verstanden sehen. Es geht ihr um die Sensibilisierung der Sinne, mit denen die Alltagsumgebung wahrgenommen werden soll. Die Geräuschkulisse der Ausstellungsräume, der von der Straße durch das offene Fenster dringende Baulärm, das Kinderlachen – dies alles verarbeitet Grzybek bewusst in ihrer Arbeit. Die Bereiche der Kunst und des Lebens greifen ineinander über und der Betrachter wird dabei zum Kollaborateur.

“Almost a Star!” – Tracey Moffatt vs. Viktoria Rebensburg

What could be more tragic than coming Fourth in the final of an Olympic games race? It’s sadder than coming last because when you come Fourth you have just missed out on a medal. You almost made it, but you just missed out. Fourth means that you are almost good. Not the worst (which has it’s own perverted glamour) but almost. Almost a star! [...]

My photo series Fourth is no great document of the Sydney 2000 Olympics. I think I’m trying to say something grand about competition in general. That it’s beautiful to try. That to reach a final at an Olympic Games is a great achievement. To even be invited to participate in the Olympic Games is a great achievement. To even be athletic in general is a great achievement. To get yourself up and walk down the street is a great achievement. To wake up and face another hideous day is a great achievement. To even think about what you are going to do in the next hour is a great achievement. I could go on and on. Like I said, I have a different take on it all.**

* http://www.spiegel.de/fotostrecke/fotostrecke-52288-9.html (25.02.2010)

** Tracey Moffat, 2001: http://lagallery-frankfurt.de/moffatt8.html (25.02.2010)

Die besten Jahre unseres Lebens

Our efforts to apply pressure on Iran are not meant to punish the Iranian people. They are meant to change the approach the Iranian government has taken toward its nuclear program.

Hillary Clinton (28.01.2010)

William Wyler „The Best Years of Our Lives“ (1946), Film-Sequenz 00:24:40-00:25:27

Two exhausting world wars in a single half century have given no assurance of a lasting peace. Dreams of progress toward a higher civilization have been shattered by the spectacle of the murder of millions of innocent people. The worst may be still to come. […] The technologies based upon science are disturbing. Isolated groups of relatively stable people are brought into contact with each other and lose their equilibrium. Industries spring up for which the life of a community may be unprepared, while others vanish leaving millions unfit for productive work. The application of science prevents famines and plagues, and lowers death rates – only to populate the earth beyond the reach of established systems of cultural or governmental control. Science has made war more terrible and more destructive. […] It may not be science which is wrong but only its application. The methods of science have been enormously successful wherever they have been tried. Let us then apply them to human affairs. […] Indeed, this may well be our only hope.

B. F. Skinner “Science and Human Behaviour” (1953)

Frau aus dem Feuer

It was a horrible sight […] Hundreds of injured people who were trying to escape to the hills passed our house. The sight of them was almost unbearable. Their faces and hands were burned and swollen; and great sheets of skin had peeled away from their tissues to hang down like rags in a scarecrow. […] I came onto I don’t know how many, burned from the hips up […] And they had no faces! Their eyes, noses and mouths had been burned away, and it looked like their ears had melted off. It was hard to tell front from back.

Michihiko Hachiya “Hiroshima Diary” (1945)

Auf die Grundformen des Kopfes und Rumpfes, auf die Reste der Oberarme und Schenkel reduzierte Frauengestalt, deren Geschlecht lediglich anhand der schwellenden – bezieht man den Titel der Skulptur „Woman Out of Fire“ mit ein – durch die Wucht des Feuers verformten Brüste, erkennbar. Aus ihren Höhlen hervortretende, von den Liedern nicht mehr geschützte Augäpfel, abgebrannte Nase, fehlende Ohrmuscheln… eine Frau ohne Gesicht! Der wie in einem Schrei verzerrte Mund, oder vielmehr das, was von einem Mund übrig blieb… Die Schwärze und ein seltsamer Glanz der Haut.

Das Groteske der Holzstöcke, welche statt Arme und Beine in die Körpermasse auf der einen, und in den Hocker auf der anderen Seite der Skulptur montiert sind, evozieren eine grauenvolle Vorstellung von den, bis auf die Knochen abgebrannten, menschlichen Gliedmaßen. Die ihrer Stabilität beraubte Figur wirkt in Anbetracht der Verwendung eines gewöhnlichen Hockers und des Titels, der keinerlei Abstraktion zulässt, wie ein makaberes Ready-Made.

Der, in den Kunstwerk-Kontext einbezogene, handelsübliche Hocker und Alltagsgegenstand lässt uns unweigerlich an die Ready-Mades von Marcel Duchamp, wie zum Beispiel „Bicycle Wheel“ (1913), welches aus einem Rad, einer Fahrrad-Vordergabel und einem Holzhocker montiert ist, denken. Duchamp arbeitete mit dem Prinzip der Entlassung der Alltagsobjekte aus ihrer ursprünglichen Funktion, stellte sie auf einen Sockel und erklärte sie zu Kunst. Doch Kaprow geht in dem Prozess der Bedeutungsgenese viel weiter: er spielt die erhöhende Funktion eines Hockers aus, um die Monstrosität des Geschehenen, das schreckliche Resultat der massiven Verbrennung eines Menschen, dem Betrachter vor Augen zu führen, und verweist mittels eines, aus dem Alltag entnommenen, Gegenstandes auf die brutale Möglichkeit der tatsächlich stattgefundenen Ereignisse.

* 77-MDH-6.55b. The National Archives: http://www.archives.gov/research/ww2/photos/images/ww2-164.jpg (07.06.2009)

** http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Tokyo_kushu_1945-2.jpg?uselang=de (10.02.2010)